Parodontitis ist mehr als eine lokale Erkrankung des Zahnhalteapparates. Der Biofilm setzt den entscheidenden Reiz, doch wie stark der Organismus darauf reagiert, wird wesentlich durch die individuelle Immun- und Entzündungsantwort beeinflusst.
Heike Wilken, DH
Damit rücken neben den bekannten Risikofaktoren auch Ernährung und Mikronährstoffversorgung stärker in den Fokus. Besonders interessant sind die langkettigen Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Doch welchen Nutzen können sie für PA-Patientinnen und -Patienten haben – und wie lässt sich die Omega-3-Testung sinnvoll in den Praxisalltag integrieren?
/// Parodontitis systemisch denken
Rauchen und Diabetes mellitus gehören selbstverständlich in die parodontale Anamnese. Gleichzeitig wächst das wissenschaftliche Interesse an Ernährung und der Versorgung mit bestimmten Mikronährstoffen. Dabei geht es nicht darum, die etablierte Parodontaltherapie durch Nahrungsergänzungsmittel zu ersetzen. Biofilmkontrolle, nichtchirurgische Parodontaltherapie, gute häusliche Mundhygiene und UPT bleiben das Fundament.
Die zusätzliche Frage lautet vielmehr: Unter welchen systemischen Voraussetzungen findet die Entzündungsreaktion unseres Patienten statt – und können wir einige davon positiv beeinflussen? Hier werden die langkettigen Omega-3-Fettsäuren Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) interessant.
/// Warum Omega-3 für die Parodontologie interessant ist
Omega-3-Fettsäuren werden häufig vereinfacht als „entzündungshemmend“ bezeichnet. Ihre Wirkung geht jedoch darüber hinaus. EPA und DHA werden unter anderem in die Phospholipide der Zellmembranen eingebaut und beeinflussen damit Eigenschaften und Funktionen der Membran sowie die Bildung verschiedener Lipidmediatoren.
Besonders interessant sind die sogenannten Specialized Pro-resolving Mediators (SPM), zu denen Resolvine, Protectine und Maresine gehören. Sie entstehen unter anderem aus EPA und DHA und sind an der Regulation und aktiven Auflösung von Entzündungsreaktionen beteiligt.
Gerade bei der Parodontitis ist dieser Gedanke spannend. Eine Entzündung ist zunächst eine notwendige Immunantwort auf einen mikrobiellen Reiz. Problematisch wird sie, wenn sie überschießend verläuft oder chronisch persistiert. Eine dysregulierte Wirtsantwort kann wesentlich zur Zerstörung des parodontalen Gewebes beitragen.
Der Ansatz von Omega-3 besteht deshalb nicht einfach darin, Entzündung „abzuschalten“. Vielmehr könnten EPA und DHA Prozesse unterstützen, die an einer kontrollierten Entzündungsregulation und -auflösung beteiligt sind. Damit ist Omega-3 auch unter dem Aspekt der möglichen Hostmodulation interessant.
/// Was wissen wir aus Studien?
Inzwischen liegen verschiedene klinische Studien und mehrere systematische Übersichtsarbeiten vor. Zusammenfassend gibt es Hinweise darauf, dass Omega-3 als Ergänzung zur nichtchirurgischen Parodontaltherapie einen zusätzlichen positiven Einfluss unter anderem auf Sondierungstiefen und klinisches Attachment haben kann.
Die Studien unterscheiden sich jedoch hinsichtlich Dosierung, Präparaten, Therapiedauer und Patientengruppen. Ein einheitlicher therapeutischer Zielwert oder eine verbindliche „Omega-3-Dosis“ für die Parodontitis lässt sich daraus bislang nicht ableiten. Auch die bestehende EFP-S3-Leitlinie empfiehlt Omega-3 derzeit nicht routinemäßig als Ergänzung zur subgingivalen Instrumentierung; zum Zeitpunkt ihrer Erstellung standen allerdings deutlich weniger klinische Daten zur Verfügung als heute.
Für die Praxis bedeutet das: Omega-3 ist keine Alternative zur etablierten PA-Therapie und derzeit keine leitlinienbasierte Standardtherapie. EPA und DHA können jedoch ein interessanter Baustein eines erweiterten, systemisch orientierten Betreuungskonzeptes sein.
/// Vitamin D als Türöffner
Für präventionsorientierte Praxen ist die Arbeit mit Laborwerten häufig nicht völlig neu. Ein Beispiel ist Vitamin D. Hier kennen viele Praxisteams bereits das Prinzip: messen, Befund evaluieren, beraten, intervenieren und kontrollieren.
Ein solcher Laborwert kann auch ein Türöffner für das Patientengespräch sein. Die allgemeine Empfehlung „Achten Sie auf eine gesunde Ernährung“ wird durch einen individuellen Messwert plötzlich konkret. Der Patient sieht seine Ausgangssituation und kann bei einer späteren Kontrolle nachvollziehen, ob eine Veränderung tatsächlich stattgefunden hat.
Dieses Prinzip lässt sich auch auf die Omega-3-Versorgung übertragen. Voraussetzung ist allerdings: Wer mit Laborwerten arbeitet, sollte sich damit auskennen.
/// Omega-3 testen – direkt in der Praxis
Für die Bestimmung des Omega-3-Status stehen heute Verfahren zur Verfügung, die sich gut in den Praxisablauf integrieren lassen. Bei einer Trockenblutanalyse, dem sogenannten Dried Blood Spot (DBS), werden wenige Tropfen Kapillarblut aus der Fingerbeere auf eine Testkarte aufgebracht und zur Analyse an ein spezialisiertes Labor geschickt.
Ein bekannter Biomarker ist der Omega-3-Index, der den Anteil von EPA und DHA an den Fettsäuren der Erythrozytenmembranen beschreibt. Er liefert damit eine objektivere Information über den längerfristigen Omega-3-Status als die Ernährungsanamnese allein. Für die Praxis empfiehlt sich die Zusammenarbeit mit einem qualifizierten Labor und einer standardisierten Analytik. Verlaufskontrollen sollten möglichst mit derselben Methode erfolgen.
Häufig werden Omega-3-Index-Werte unter 4 Prozent als niedrig und Werte um beziehungsweise oberhalb von 8 Prozent als günstig eingeordnet. Wichtig ist jedoch: Der häufig genannte Bereich um 8 Prozent stammt vor allem aus der kardiovaskulären Forschung. Ein Omega-3-Index von 8 Prozent ist bisher kein validierter parodontologischer Therapiezielwert.
Trotzdem ist die Messung für die Praxis interessant: Sie zeigt, wo der Patient steht und ob eine Ernährungsumstellung oder Supplementierung seinen EPA- und DHA-Status tatsächlich verändert.
/// Befundevaluation braucht Kompetenz
Nach Eingang des Laborbefundes beginnt der entscheidende Teil des Konzeptes.
Spezialisierte Labore liefern häufig bereits eine Einordnung des Omega-3-Status und Empfehlungen zur Optimierung der EPA- und DHA-Versorgung. Das ist hilfreich, ersetzt aber nicht das Fachwissen des Praxisteams.
Wer Omega-3-Testungen anbietet, sollte verstehen, was gemessen wird, welche Faktoren den Wert beeinflussen und wie sich die Versorgung gezielt verändern lässt. Die DH oder ZMP sollte dem Patienten erklären können: Wo stehe ich? Was bedeutet mein Ergebnis? Was kann ich konkret verändern? Und wann überprüfen wir, ob die Maßnahmen erfolgreich waren?
Dabei wird der Laborwert gemeinsam mit der individuellen Situation betrachtet: Wie ernährt sich der Patient? Isst er regelmäßig EPA- und DHA-reiche Lebensmittel? Nimmt er bereits Supplemente ein? Welche Allgemeinerkrankungen und Medikamente sind bekannt?
So wird aus einem Laborwert eine individuelle Befundevaluation.
/// Aus dem Befund folgt eine klare Empfehlung
Ein niedriger Omega-3-Status sollte zunächst Anlass sein, die Ernährung genauer anzuschauen. Reicht die Zufuhr über die Ernährung nicht aus oder ist sie im Alltag nicht praktikabel, kann innerhalb eines abgestimmten Praxiskonzeptes eine Supplementierung besprochen werden.
Dabei ist wichtig, Präparate beurteilen zu können. Die Angabe „1.000 mg Fischöl“ bedeutet beispielsweise nicht, dass der Patient 1.000 mg EPA und DHA erhält. Entscheidend ist die tatsächlich enthaltene Tagesmenge an EPA plus DHA. Auch Algenöle können eine geeignete Alternative sein.
Neben der Dosierung spielt die Qualität eine Rolle, da mehrfach ungesättigte Fettsäuren oxidationsempfindlich sind. Eine transparente Deklaration, nachvollziehbare Qualitätskontrollen und geeignete Lagerung sollten daher berücksichtigt werden.
Liegt vom spezialisierten Labor bereits eine Empfehlung vor, kann sie eine gute Grundlage für das Patientengespräch darstellen. Eine entsprechend qualifizierte DH kann diese fachlich einordnen, mit Ernährung und Anamnese verbinden und innerhalb des in der Praxis festgelegten Konzeptes eine konkrete und für den Patienten verständliche Empfehlung aussprechen.
Bei relevanten Allgemeinerkrankungen, komplexer Medikation, möglichen Wechselwirkungen oder höheren therapeutischen Dosierungen sollte eine zahnärztliche beziehungsweise gegebenenfalls ärztliche Abstimmung erfolgen.
/// Drei Monate – dann wird kontrolliert
Eine Empfehlung allein macht noch kein Konzept. Entscheidend ist die Verlaufskontrolle.
Gerade hier lässt sich Omega-3 sehr gut mit der parodontalen Betreuung verbinden. Nach etwa drei Monaten wird der Omega-3-Status erneut bestimmt. Dieses Intervall lässt sich in vielen Praxen gut mit ohnehin vorgesehenen PA- beziehungsweise UPT-Terminen verbinden. Bei der Kontrolle geht es zunächst um die Frage: Hat unsere Intervention funktioniert? Hat der Patient seine Ernährung verändert? Wurde das Präparat regelmäßig eingenommen? Hat sich der Omega-3-Status verbessert? Muss die Empfehlung angepasst werden?
Gleichzeitig wird die parodontale Situation beurteilt. Blutung auf Sondierung, Sondierungstiefen, Mundhygiene und weitere klinische Parameter können im Rahmen der vorgesehenen Betreuung erfasst werden. Dabei ist eine klare Trennung wichtig: Ein verbesserter Omega-3-Status beweist nicht, dass eine Verbesserung der parodontalen Situation durch Omega-3 verursacht wurde. Dennoch können lokale und systemische Faktoren im Verlauf gemeinsam betrachtet werden.
Damit entsteht ein nachvollziehbarer Kreislauf:
Testen → Befund evaluieren → beraten → gezielt intervenieren → nach drei Monaten kontrollieren.
/// Eine interessante Aufgabe für DH und ZMP
Gerade DH und ZMP begleiten PA-Patientinnen und -Patienten häufig über Jahre. Sie haben damit die Möglichkeit, Veränderungen nicht nur anzustoßen, sondern deren Umsetzung langfristig zu begleiten. Die Rolle endet nicht mit der Durchführung des Tests. Sie umfasst die Befundevaluation, die verständliche Aufklärung, eine konkrete Empfehlung und die spätere Kontrolle. Voraussetzung dafür ist die entsprechende fachliche Kompetenz und Fortbildung.
Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem zusätzlichen Labortest und einem professionellen Präventionskonzept.
Omega-3 sollte dabei nie isoliert betrachtet werden. Mundhygiene, Biofilmkontrolle, Rauchen, Diabetes und weitere Risikofaktoren behalten ihre zentrale Bedeutung. Der Omega-3-Status kann einen zusätzlichen Baustein darstellen – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
/// Fazit
EPA und DHA sind aufgrund ihrer Bedeutung für Zellmembranen, Entzündungsregulation und die Bildung pro-resolvierender Lipidmediatoren für die Parodontologie interessant. Klinische Untersuchungen liefern Hinweise auf einen zusätzlichen Nutzen als Ergänzung zur nichtchirurgischen Parodontaltherapie. Ein spezifischer parodontologischer Zielwert des Omega-3-Index und eine einheitliche „PA-Dosis“ sind bislang jedoch nicht etabliert.
Für die Praxis bietet sich deshalb ein statusorientiertes Vorgehen an: Der Omega-3-Status wird bestimmt, der Laborbefund fachlich evaluiert, eine individuelle Empfehlung ausgesprochen und nach etwa drei Monaten kontrolliert. Damit bekommt auch die DH eine wichtige Rolle. Sie führt nicht nur einen Test durch, sondern begleitet den Patienten durch einen kontinuierlichen Prozess und integriert Ernährung und systemische Faktoren in die parodontale Betreuung.
Testen, verstehen, beraten und kontrollieren – so kann Omega-3 zu einem praktisch umsetzbaren Baustein einer systemisch orientierten Parodontalbetreuung werden.
– AUTORIN
Heike Wilken, DH
– KONTAKT
Deutsche Gesellschaft für DentalhygienikerInnen (DGDH) e.V.
Fasanenweg 14
48249 Dülmen
www.dgdh.de
Literatur
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