Die Behandlung von Parodontologie braucht langfristige Konzepte, Durchhaltevermögen bei Patienten sowie Zahnärzten, also das sprichwörtliche Bohren dicker Bretter. So findet sich auf der 42. Internationalen Dental-Schau 2027 so manches bewährte Verfahren und Produkt – allerdings in neuen Varianten, daneben frisch Etabliertes und Innovatives. Einen Ausblick gibt Dr. Markus Heibach, Geschäftsführer des Verbands der Deutschen Dental-Industrie (VDDI).
dental:spiegel Herr Dr. Heibach, unser Wissen um Parodontalerkrankungen und ihre Zusammenhänge mit Erkrankungen in anderen Regionen des Körpers ist in den vergangenen zwanzig Jahren stark gewachsen. Lassen sich auf dieser Grundlage verbesserte Therapien entwickeln, so dass der Behandlungsbedarf in Zukunft sinken wird?
Dr. Markus Heibach: Man könnte vermuten, mit dem vermehrten Wissen um Parodontalerkrankungen sollten sie sich effektiver bekämpfen lassen. Der Gesamtbehandlungsbedarf wird aber eher weiter zunehmen, wie die Sechste Deutsche Mundgesundheitsstudie (DMS 6) vermuten lässt. Denn als altersassoziierte Erkrankung gewinnt die Parodontitis mit einem zunehmenden Anteil von Senioren tendenziell eher an Bedeutung. Menschen erreichen ein immer höheres Lebensalter und behalten auch ihre natürlichen Zähne länger – sämtlich potenziell parodontal behandlungsbedürftige Zähne! Darüber hinaus besteht ein wesentliches Ziel für die Zukunft darin, bisher nur schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen gezielt in Präventionsmaßnahmen einzubeziehen. Auch dies erhöht den Gesamtbehandlungsbedarf.

Das würde bedeuten, dass Praxen in Parodontaldiagnostik, -prophylaxe und -therapie sogar eine besonders große Entlastung benötigen?
Ja, das ist die Konsequenz. Die Dentalindustrie ist daher bestrebt, spezifischere und dabei schnellere Diagnose-Tools zu entwickeln und bewährte Therapiekonzepte effizienter zu machen.
Verschiedene Konzepte dafür werden auf der 42. IDS 2027 greifbar. Da können die Besucher beispielsweise eine digitale Parodontalsonde in die Hand nehmen, die mit einem Ideal-Messdruck Zahn für Zahn durch den Mund geführt wird und dabei den Parodontalstatus mit den wesentlichen Werten erfasst: Taschentiefen, Rezessionen, Attachmentverlust, Blutungsneigung und – optional – bakterielle Beläge. Ohne sie per Hand zu notieren landen die Messergebnisse via Bluetooth direkt in der Praxissoftware und werden abgespeichert.
Die Diagnostik lässt sich darüber hinaus durch die Bestimmung von Biomarkern auf eine breitere Basis stellen. Schnelltests auf das Enzym aMMP-8 erlauben eine bessere Einschätzung des Kollagenabbaus im Weichgewebe und damit den Verlust an Gewebe insgesamt – noch bevor er sich im Röntgenbild manifestiert. Und noch bevor sich Entzündungserscheinungen klinisch zeigen, lassen sie sich mit Hilfe anderer Biomarker „vorausahnen“.
Wo hilft dies wirklich, da doch die Therapie in der Regel unspezifisch erfolgt?
Es stimmt, dass in der antiinfektiösen Therapie im Wesentlichen Biofilme mechanisch entfernt werden – unspezifisch, denn es kommt bei dieser Maßnahme nicht auf die Anwesenheit oder Nichtanwesenheit bestimmter Mikroorganismen an. Wenn Sie aber beispielsweise die professionelle mechanische Plaqueentfernung durch adjuvante Antibiotika-Gabe unterstützen möchten, hilft Ihnen eine genaue Kenntnis des Keimspektrums im Biofilm bei der Auswahl des Wirkstoffs. Gleichzeitig vermeiden Sie das Risiko von Resistenzbildungen. Dieses Risiko läge höher, wenn Sie bei einer Entzündung mit einem Breitbandantibiotikum arbeiten. Alternativ dazu stehen Chlorhexidin-Präparate zur Verfügung, die je nach Formulierung bakteriostatisch oder sogar bakterizid wirken.
Welche Verfahren sehen Sie in der klassischen professionellen mechanischen Plaqueentfernung?
Paro-Teams greifen in diesem Bereich auf bewährte Verfahren zurück, wie etwa auf Air-polishing-Geräte. In diesem Falle wählen sie das für den Patienten geeignete Pulver, beispielsweise Erythritol gegen Bakterien, Natriumbicarbonat für hartnäckige Beläge oder Glycin für eine besonders schonende Reinigung von Zahnfleischtaschen oder Taschen an Implantaten, gegebenenfalls auch mit einem keimhemmenden Zusatz von Chlorhexidin. Die mechanische Plaqueentfernung lässt sich alternativ dazu mit selbständig vibrationsregulierenden Piezosystemen oder mit Ultraschallsystemen unterschiedlicher Bewegungscharakteristik – elliptisch bis kreisförmig oder linear – oder mit Handinstrumenten durchführen. Eine vollumfängliche Auswahl finden Besucher der 42. IDS 2027 in den Kölner Messehallen.
Was sind für Sie Verfahren zur Plaqueentfernung, die sich gerade neu etablieren?
Da denke ich zum Beispiel an kombinierte Farbstoff/Laser-Verfahren im Sinne der antibakteriellen photodynamischen Therapie. Das ist schon länger bewährt, entwickelt sich aber jetzt zu einer Option, die selbstverständlich in Erwägung gezogen wird. Mit Diodenlasern, Neodym-dotierten Yttrium-Aluminium-Granat-Lasern und Erbium-dotierten Yttrium-Aluminium-Granat-Laser stehen dem Paro-Team verschiedene Möglichkeiten mit je eigenen Vorzügen offen.
Jenseits der Lasertherapie schließlich kann bei schlecht heilenden Wunden auch die Anwendung von kaltem Plasma erwogen werden. Auf der 42. IDS 2027 erleben die Besucher zu allen genannten Verfahren den Stand der Technik und treffen so mit hoher Sicherheit die Investitionsentscheidungen, die die eigene Praxis am besten voranbringen.
Herr Dr. Heibach, herzlichen Dank für das Gespräch!
(Das Gespräch führte Dr. Christian Ehrensberger)
