Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bezeichnete Ärztinnen und Ärzte jüngst in einer Fernsehsendung als „Nutznießer“ unseres Gesundheitssystems. Man könnte das als unglückliche Formulierung abtun. Als einen Begriff, der im Eifer einer Diskussion gefallen ist und dem man nicht allzu viel Bedeutung beimessen sollte – man könnte.
Doch Sprache ist selten zufällig. Und gerade in Zeiten, in denen über Einsparungen, Budgets und die Zukunft unseres Gesundheitswesens gestritten wird, lohnt es sich, genauer hinzuhören, denn was bedeutet es eigentlich, wenn diejenigen, die Patientinnen und Patienten behandeln und tagtäglich die ambulante Versorgung gewährleisten, als „Nutznießer“ dieses Systems bezeichnet werden? Und was bedeutet eine solche Sichtweise für die Zahnärztinnen und Zahnärzte in diesem Land?
Wer sich regelmäßig mit der Realität zahnärztlicher Praxen beschäftigt, weiß, wie wenig das Bild vom „Nutznießer“ mit dem tatsächlichen Praxisalltag zu tun hat.
Die Kosten für Personal, Materialien, Energie, Hygiene, Technik und Investitionen sind in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Qualifizierte Mitarbeiter zu finden und langfristig zu halten, wird zunehmend schwieriger. Gleichzeitig wachsen regulatorische Anforderungen, Dokumentationspflichten und Bürokratie. Hinzu kommen erhebliche Investitionen in moderne Behandlungstechnologien, Digitalisierung, Fortbildung und Qualitätssicherung.
Man muss kein Zahnarzt sein, um sich angesichts dessen zu fragen: Nutznießer – wirklich?
/// Vielleicht lohnt es sich, die Perspektive einmal umzukehren
Wer profitiert davon, dass Zahnärztinnen und Zahnärzte jeden Morgen ihre Praxistüren öffnen, dass Praxisinhaber investieren, obwohl die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schwieriger werden, dass sie Verantwortung für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übernehmen und Arbeitsplätze schaffen oder dass sie Prävention betreiben, Erkrankungen frühzeitig erkennen und eine flächendeckende zahnmedizinische Versorgung sicherstellen?
Natürlich kostet gute Medizin Geld. Gute Zahnmedizin ebenfalls. Und selbstverständlich muss darüber gesprochen werden, wie ein Gesundheitssystem angesichts demografischer Veränderungen und begrenzter finanzieller Ressourcen dauerhaft finanzierbar bleiben kann. Auch bestehende Strukturen müssen hinterfragt werden dürfen. Aber zwischen einer notwendigen Reformdiskussion und der schleichenden Geringschätzung derjenigen, die Versorgung leisten, besteht ein erheblicher Unterschied!
Wer Heilberufe vor allem durch die finanzpolitische Brille betrachtet, übersieht etwas Wesentliches: Eine Zahnarztpraxis ist nicht einfach eine Kostenstelle im Gesundheitssystem. Sie ist ein Ort, an dem medizinische Verantwortung übernommen wird. Gleichzeitig ist sie ein Unternehmen, das Arbeitsplätze schafft, investiert, Steuern zahlt und wirtschaftliches Risiko trägt.
Gerade die Zahnmedizin zeigt, welchen Wert eine eigenverantwortliche und freiberuflich organisierte Versorgung haben kann. Die inhabergeführte Praxis verbindet medizinische Verantwortung mit persönlicher Kontinuität und unternehmerischem Engagement. Dieses Prinzip ist wertvoll … und es ist keineswegs selbstverständlich.
Wer die wirtschaftlichen und regulatorischen Bedingungen für Praxen kontinuierlich verschlechtert, sollte sich nicht wundern, wenn immer weniger junge Menschen bereit sind, das Risiko einer eigenen Niederlassung einzugehen. Über den Erhalt der Freiberuflichkeit zu sprechen, reicht nicht. Es müssen auch Bedingungen existieren, unter denen sie eine Zukunft hat.
Dabei geht es keineswegs darum, einen Berufsstand vor Veränderungen zu schützen. Die Zahnmedizin hat in den vergangenen Jahrzehnten eindrucksvoll gezeigt, wie sehr sie sich verändern kann – Zahnmedizin entwickelt sich kontinuierlich weiter.
Was sich allerdings ebenfalls weiterentwickeln sollte, ist der politische Umgang mit denjenigen, die diese Versorgung gewährleisten. Dazu gehört Augenhöhe und dazu gehört eine Politik, die mit den Heilberufen spricht und nicht (nur) über sie! Eine Politik, die unternehmerische Verantwortung nicht mit Privilegien verwechselt. Die Investitionen ermöglicht, statt sie durch immer neue Vorgaben zu erschweren und die versteht, dass Wertschätzung keine Frage gelegentlicher freundlicher Worte ist. Sie zeigt sich vor allem in den Rahmenbedingungen, unter denen Menschen ihren Beruf ausüben sollen.
Als Verleger des dental:spiegel habe ich das Privileg, diesen Berufsstand seit vielen Jahren aus nächster Nähe beobachten zu dürfen. Ich begegne Zahnärztinnen und Zahnärzten, die mit großer fachlicher Leidenschaft in ihre Praxen investieren, die sich kontinuierlich fortbilden, Verantwortung für ihre Teams übernehmen und einen bemerkenswert hohen Anspruch an die Qualität ihrer Arbeit stellen.
Doch gerade der Blick von außen macht eines deutlich: Wer in einer Zahnarztpraxis nur einen „Nutznießer“ des Gesundheitssystems sieht, hat einen wesentlichen Teil der Realität nicht im Blick.
Vielleicht ist deshalb die eigentliche Diskussion, die dieses eine Wort ausgelöst hat, viel größer. Es geht um das Bild, das die Politik von den Menschen hat, die Gesundheitsversorgung gewährleisten. Es geht um die Frage, ob Praxisinhaber als Partner oder als Kostenfaktor betrachtet werden. Und letztlich geht es darum, welche Zahnmedizin Deutschland in Zukunft haben möchte …
Deshalb sollte die Debatte um das Wort „Nutznießer“ nicht bei der Empörung über einen Begriff enden. Sie sollte Anlass sein, über die Haltung dahinter zu sprechen. Zahnärztinnen und Zahnärzte sind nicht einfach Nutznießer dieses Systems. Sie sind diejenigen, die einen wesentlichen Teil davon jeden Tag am Laufen halten!
Philipp Franz
Verleger
